Ich liebte es Nachrichten zu lesen, Nachrichten, News, Tweets, im Radio, Zeitungen, Zeitschriften, online, gestreamt, ich verschlag‘ alles – bis zum 14.12.2016.
Nachdem ich 4-6 Stunden täglich, manchmal sogar mehr, in dieser Welt aus so genannten Neuigkeiten verbracht hatte, beschlossen ein sehr guter Freund von mir und ich einfach nichts mehr miteinander auszutauschen und deshalb auch gleich gar keine News mehr zu lesen – zumindest für zehn Tage.
Der erste Tag war schwer, wirklich, meine Finger tippten „automatisch“ in den Browser die Anfangsbuchstaben regelmässig besuchter Websites: guard…, zeit…, spieg…., japanti…, telepo…
Ich hatte auf einmal so viel Zeit. Wow.
Nach drei Tagen keine „Finger-„Rückfälle mehr, mein Freund gab allerdings auf, aber ich dachte, na ja, zumindest bis zum Jahresende mache ich jetzt mal weiter und es passte zum Winter (auf der Nordhalbkugel), alles wurde etwas ruhiger und gedämpfter.
Im Januar 2017 dann hatte ich sehr starke Rückenschmerzen und ging zu einem Rückentraining in ein Sportstudio (erstmals in meinem Leben), das lenkte auch ab und ich fand tatsächlich keine Zeit für „News“, also einfach ein Quartal weiter gemacht.
Ich gewöhnte mich daran Radiosender mit wenig Nachrichten zu hören (=Classic, was ich davor nie hörte;), zudem wuchs unsere Tochter heran und ich hatte ein schlechtes Projekt, was ich irgendwie abschliessen musste. So vergingen weitere Monate.
Im Sommer dachte ich, dass ich es einfach ein Jahr durchziehe, als Selbstexperiment und dann das Erfahrene ggf. zusammenschreibe, nur fing ich einfach nicht mehr an mit dem nachrichten hören/lesen/sehen.
Morgens keine Nachrichten im 15-Minuten-Takt mehr, plötzlich war es ruhiger, ich war ruhiger.
Mittags keine Diskussionen über X und Y mit Bürokollegen und plötzlich war es ruhiger, ich war ruhiger.
Abends, nach dem ins Bett bringen unserer Tochter, keine Nachrichten mehr über Dinge die ich ohnehin nicht beeinfluße/n kann – ich fand Zeit etwas anderes zu lesen oder zu machen und hatte Zeit um meine Gedanken zu sortieren und Dinge zu machen für die ich ansonsten keine Zeit fand.
Zusätzlich merkte ich aber auch, dass ich nicht nur mit meiner Zeit sorgsamer umgehe, sondern auch mit der Zeit anderer Menschen. Ich hörte Ihnen mehr zu, gab‘ weniger meine (gelesenen) Eindrücke wieder, dafür bekam ich mehr von Ihnen mit.
Ist das Achtsamkeit?
Das Time Magazine Abo – siehe Foto, anbei nur das aktuelle, noch komplett verpackte Jahr 2018 – läuft weiter seitdem, es ist mein wöchentlicher Reminder, mein Trigger um mich selbst zu fragen, will ich mehr Nachrichten? Brauche ich mehr Nachrichten?
Letzteres Nein, Ersteres, weiß ich nicht mehr so genau, ich glaube ich würde etwas mehr wissen wollen.
Um ganz ehrlich zu sein, mir fehlten Tech-Nachrichten etwas, ich verpasste eine Entwicklung im Mai 2017 die sinnvoll für meine Tätigkeit als Webprogrammier war und fing‘ dann im Juli 2017 an zwei Webseiten zu lesen, kurze Zeit darauf eine dritte: ein US-Tech-Blog, ein US/CA-eCar-Techblog (weil mich der Umschwung in dieser „Lügen“branche wirklich interessiert) und ein deutsches TechBlog. Im Januar 2018 kamen dann zwei weitere deutschsprachige Tech-Blogs und mein Twitter-Account dazu, wodurch ich etwas auch aus der politischen Welt mitbekomme, aber nur gestreift. Dennoch interessiert es mich, aber ich lese nicht mehr nach, ich gehe nicht tiefer.
Im ersten Jahr missachtete ich auch alle Zeitschriften-Header an den Haltestationen der Tram und Busse in der Stadt, seit diesem Sommer bin ich etwas relaxter und muss Manchmal schmunzeln – vieles liesst sich tatsächlich wie die belanglosen „News“-Nachrichten aus Sim City 2000! Dennoch schaue ich nicht täglich darauf, selten wöchentlich und in der Bahn wird einfach Podcast gehört (keine News!;) anstatt auf Bildschirme zu glotzen.
Ich wusste, bis es mir Kollegen nicht erzählten, nicht dass es z.B. anscheinend wieder Anschläge in Belgien (?) gab, Unklarheiten bzgl. des Brexit bestehen, oder Kanzlerin Merkel wohl nicht mehr antritt.
Aber würde sich etwas ändern wenn ich es umgehend oder auch umfangreicher wüsste? Für die Situation oder andere Personen sicherlich nicht, aber für mich? Ich bin mir nicht sicher.
Wie auch immer, „News“ sind für mich wie eine Droge, und ich brauche immer mehr, deshalb muss ich es, zumindest für mich, rationieren, das hat sich bewährt bei den Tech-News und ich merke, dass es inzwischen schon wieder etwas zu viel wird für mich, weshalb ich mir eine Übersichtsseite gebaut habe (Update 15.1.2019: nun auf WordPress.com: https://filter.news.blog), anstatt auf die einzelnen Sites zu gehen, schaue ich mir nur diese Überschriften an und entscheide daran, ob ich mehr lese.
Entscheidend ist für mich, um achtsam mir und anderen gegenüber diesbezüglich auftreten zu können, dass ich Nachrichten in kompakten „Dosen“ geniesse und nicht zu viel darum herum versuche aufzusaugen.
Womöglich abonniere ich eine Wochenzeitung, anstatt die Polit-News online zu lesen, das überlege ich aktuell tatsächlich. Meine einzige Sorge ist, so auch meine Erfahrung, dass eine Quelle zu sehr einschränkt und bereits ein Bild im Kopf formt und ich liebe es aber mir selbst meine Meinung zu bilden und dieses Bild zu formen, weshalb Informationen aus nur einer Quelle eigentlich nicht dem entsprechen, was ich mir erwarte, es schränkt mich ein.
Aber ist das schlimm? Hm, bei Nachrichten finde ich irgendwie „ja“. Denn wenn sich eine Quelle irrt, was häufig der Fall ist, ist man nichts anderes als das Sprachrohr dieser „falschen“ Quelle, vertritt also bewusst oder unbewusst #Fakenews. Wenn man dann diskutiert, vor allem in einer Welt voller Falsch-Meldungen, ist das geradezu gefährlich.
Ist es denn besser dann gar nichts zu lesen? Womöglich, aber möglicherweise auch nicht.
Vielleicht hilft die Auswahl einer Newsquelle, die sich relativ wenig irrt? Aber welche ist das? Keine Ahnung, mal sehen…
Dennoch versuche ich generell seit Ende 2016 achtsamer meine Zeit zu verbringen. Dazu zählt auch solch‘ eine bewusste Entscheidung, aktuell eben keine Nachrichten zu lesen. Wenn die Entscheidung wieder zu lesen dann aber gefällt ist, stehe ich auch dazu, aber dieser Entschluss ist – Stand heute – noch nicht gefasst, also bleibt erst einmal alles bei dem aktuellen, News-reduzierten Stand und Politik- sowie Business-News-freien Tag – for now.
Viel habe ich in den letzten zwei Jahren gelernt:
Wieder besseres Zuhören, das zumindest etwas bessere Akzeptieren anderer Meinungen (sofern nicht menschenverachtend, verletzend oder rechts-gerichtet), das freiere Zeit-agieren vor allem auch mit unserer Tochter, ich bin weniger getrieben und ich mache mir weniger Sorgen über Dinge, welche ich nicht beeinfluße/n kann(/will?).
Nein, es ist nicht alles rosa, aber es ist auch weniger schwarz als es die News-Quellen berichten – soviel kann ich definitiv sagen. Dennoch will ich etwas mehr verstehen aus der Welt um mich herum – denke ich. Spätestens seit Sommer 2018, wenn mir jemand etwas erzählt, kann ich kaum mehr folgen. Ich kenne die Namen nicht mehr, ich wundere mich was da los ist, wenn ich einen Kontext nicht begreife, aber wie gesagt, ich mache mir wirklich weniger Sorgen und sehe auch durch Dinge besser hindurch und kann mein Gegenüber gegebenenfalls sogar beruhigen.
Anschlag in X/Y, ja, aber betrifft es Dich irgendwie? Es ist schlimm, das verstehe ich. Aber hast Du nicht mehr Angst, einer der 3000 Verkehrstoten in Deutschland zu werden? Ich schon.
Ein Politiker oder Rechtsanwalt der wieder irgendeinen einen Dreck verzapft, ja, schon, aber wie betrifft Dich das in Deinem täglich Leben, wenn überhaupt?
Dieselskandal ist immer noch aktiv? Aber wieso noch diskutieren, das Problem ist doch die Politik die im Bett ist mit unserer Autoindustrie, das ist doch klar, also wieso noch überhaupt Zeit damit unachtsam verschwenden?
Zusammengefasst: Gehe mit Deiner Zeit aufmerksam um, denn wir leben, wenn es gut läuft etwa 30.000Tage ( ca. 82 Jahre). That’s it. Das ist mit viel klarer geworden. Deshalb brauch(t)e ich wohl auch diese Auszeit, um das zu verstehen.
Weiterhin: Gehe auch mindestens genauso sorgsam mit der Zeit anderer Menschen um, versuche Ihnen nicht auf den Sack zu gehen (sorry, sehr direkt, ich weiß, meine Schwäche…) und Ihnen Zeit zu stehlen, anstatt dessen, geniesse die Zeit mit Ihnen. Wenn Du diese Zeit nicht geniesst, umgib‘ Dich mit anderen Menschen, mit denen Du die Zeit geniesst. Oder verbringe Zeit alleine, wenn Dir das besser gefällt. Wie auch immer, ein nicht unwichtiger Punkt scheint eben diese umfängliche Achtsamkeit zu sein, zumindest das meine ich nun zu verstehen, nur dadurch, dass ich keine News mehr lese. Alleine deshalb hat sich dieses Experiment für mich geloht, auch wenn es mich 730 Tage gekostet hat, meiner knapp 30.000 Tage.